Neubauprojekt Steinhalle

Alzey, 11.11.2019
Stellungnahme der Museumsleitung zu der Diskussion um das Projekt der neuen Steinhalle des Museums Alzey
und Informationen zu den römerzeitlichen Steindenkmälern

In der aufgeregten und emotional aufgeladenen Diskussion um die neue Steinhalle des Alzeyer Museums steht vor allem der Architektenentwurf im Fokus der Auseinandersetzung. Über den Streit um die Form droht indes der Inhalt, den die Bau-Skulptur des Architekturbüros Eichler präsentieren und in Wert setzen soll, völlig in den Hintergrund zu geraten. Nur vereinzelt, so etwa von Xela Fäsch, wird in den Diskussionsforen der sozialen Medien überhaupt die Frage gestellt: „Was genau kommt in diese Steinhalle?“ Knappe Bemerkungen, wie „ein Fahrgastunterstand“ „und Steine“, werden der Bedeutung der Steinhalle des Alzeyer Museums aber in keiner Weise gerecht. Es ist zwar richtig, dass in das Gebäude eine überdachte Bushaltestelle integriert werden soll, im Zentrum steht jedoch Anderes.
Zum einen geht es um die barrierefreie Erschließung des alten Museumsgebäudes und der neuen Steinhalle. Und allein die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte, aber auch für Blinde und Sehbeeinträchtigte u.a.m. schafft die Voraussetzung dafür, dass das Bauvorhaben in Höhe von 85 Prozent im Rahmen der Modellregion „barrierefreier Tourismus“ bezuschusst und damit finanziert werden kann.
Zum anderen geht es tatsächlich auch um „Steine“. Genauer: um römerzeitliche Steindenkmäler, die bislang in einem räumlichen Provisorium im linken Seitentrakt des Burggrafiats mehr schlecht als recht untergebracht sind. Gerade ihnen aber verdankt Alzey seinen besonderen Ruf - nicht nur in der Fachwelt der Archäologen und Althistoriker, sondern auch bei informierten Laien, Einheimischen wie Touristen, die ein Interesse an römischen Kultur und Geschichte haben. Von daher bietet die neue Steinhalle durchaus ein Potential, das es für die touristische Aufwertung Alzeys zu nutzen gilt.

Nicht nur die zahlreichen bereits in den Jahren 1929 und 1931 gefundenen Großplastiken machen den Alzeyer Skulpturenfund nach Einschätzung des Archäologen Ernst Künzl vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz zu einem der „respektablen Spolienfunde aus deutschem Boden“. Dieser umfasst mehr als 20 Altar- bzw. Weihesteine, Teile von insgesamt neun Jupitersäulen und die Sockel zweier Herkulesstatuen. Hinzu kommen verschiedene Architekturfragmente. Der Großteil der Steindenkmäler aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. stammt sehr wahrscheinlich aus dem Tempelbezirk des vicus Altiaium. Um Schwefelquellen, die zur Römerzeit im Bereich des heutigen Finanzamtes existierten, hatte sich ein florierender Kurbetrieb entwickelt. Dort konnte man zur Behandlung von Augenkrankheiten nicht nur das Wasser der Heilquellen und die Angebote des medizinischen Personals nutzen, sondern sich auch des Beistands der hier verehrten Gottheiten anvertrauen; so insbesondere der Götter Apollo Grannus und Apollo Demioncus sowie der Göttinnen Sirona und Sulis bzw. Sulevia.

Drei spektakuläre Neufunde aus dem Jahr 2003 bereicherten den Bestand der Alzeyer Steindenkmäler zusätzlich. Schon kurze Zeit nach ihrer Entdeckung haben sie nach der Expertenmeinung von Walburg Boppert „außerordentliche Bedeutung … innerhalb der provinzialrömischen Archäologie“ erlangt. Das gilt insbesondere für den der großen Göttermutter „Magna Mater/Kybele“ gewidmeten Weihestein aus dem Jahr 237 n. Chr. Dessen Inschrift dokumentiert die uns heute befremdliche, aber auch hier in Alzey praktizierte Selbstentmannung von Anhängern der ursprünglich in Kleinasien beheimateten Göttin, die seit Ende des 3. Jhs. v. Chr. auch in Rom verehrt wurde. Dieser Altar eröffnet damit Einblicke in die ungewöhnliche religiöse Vorstellungswelt und die Rituale der einheimischen Führungsschicht, die in diesem Fall Alzey mit Trier verband. Denn die Stifterin des Alzeyer Altars war die Tochter eines Ratsherrn der Civitas Treverorum.

Nicht weniger spektakulär sind die beiden zusammengehörigen Steinquader eines sog. Götterpfeilers aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Dieser beindruckt nicht nur wegen seiner ursprünglichen Gesamthöhe von wohl mehr als fünf Metern. „Ohne Parallelen in der Region“ und damit einzigartig ist vor allem aber die auf einer der Quaderseiten dargestellte Opferszene, so Walburg Boppert. Sie zeigt einen opfernden Togaträger, einen mit einer Tunika bekleideten Flötenspieler, einen Altarstein und als Opfertier, einen Widder.

Mit der neuen Steinhalle am Museum soll dieser kulturgeschichtliche Römerschatz Alzeys, der in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr aus dem Blickpunkt verschwunden war, wieder in den Fokus touristischer und bürgerschaftlicher Aufmerksamkeit gerückt werden. Gerade das momentane Übergangsquartier des rheinland-pfälzischen Landtages in der Steinhalle des Landesmuseums in Mainz zeigt symbolhaft die Bedeutung dieses steinernen Erbes der Römerzeit für Rheinland-Pfalz und Rheinhessen. Nicht nur, dass die Römer und ihre Kultur nach wie vor viele Menschen faszinieren. Die Römer besitzen auch und gerade in Rheinhessen bis heute eine identitätsstiftende Kraft. Rheinhessen war und ist Römerland.

Informationen zum projektierten Bau der Steinhalle des Museums Alzey finden sich auf der Homepage des Architekturbüros Eichler: https://www.eichlerarchitekten.com/aktuelles/.

Wer sich Bilder der Steindenkmäler ansehen möchte, die in der Steinhalle präsentiert werden sollen, sei auf Webseiten von „lupa.at“ des Ehepaares Friederike und Ortolf Harl verwiesen:  http://www.ubi-erat-lupa.org/simplesearch_result.php?result_id=229679&page=1

Doppelsäule mit Bauinschrift
Thronender Jupiter
Vulcanus, röm. Gott des Feuers und der Schmiede